Ăśber mich

Es fällt mir nicht leicht, diese Zeilen zu schreiben. Leistung, Aktivität und Stärke waren fĂĽr mich wichtige Werte – und sind es immer noch (auch wenn nicht mehr im selben Mass). Ich wollte leisten und sichtbar etwas vorzeigen können.

Dann kam ein schwerer Einschnitt, der bis heute andauert.

Zuvor war ich Anfang 40, sehr aktiv, beruflich engagiert und in meiner Familie voll involviert. Ich war immer unterwegs, brauchte Herausforderungen, suchte das Adrenalin und wollte meine Grenzen austesten – sei es im Alltag oder beim Sport. Wer bremst, verliert – das war mein Motto.

Rückblickend erkenne ich, dass mein ständiges Streben nach Leistung tief davon geprägt war, Eindruck machen zu wollen – bei anderen, aber auch vor mir selbst.

Plötzlich Stillstand

Dann kam der erste Zusammenbruch.

Plötzlich stellte sich eine dauerhafte, unerklärliche Müdigkeit ein, begleitet von Schmerzen, Schwäche und fehlender Regeneration. Obwohl ich viel schlief, fühlte ich mich, als hätte ich einen Marathon hinter mir. Sport wurde unmöglich, einfache Tätigkeiten wurden anstrengend, und eines Tages konnte ich nicht einmal mehr aufstehen.

Nach Wochen im Bett kämpfte ich mich mühsam zurück, doch meine Leistungsfähigkeit blieb dauerhaft reduziert. Ich versuchte es mit Durchhalten, Erklärungen und bagatellisieren, doch innerlich war ich ratlos.

mĂĽder Mann im Bett am schlafen, CFS ME/CFS, Diagnose

Ärzte-Marathon

Wir suchten Hilfe bei Ă„rzten und verschiedensten Fachpersonen. Doch es dauerte lange, bis all die Untersuchungen, Tests und Abklärungen einen Verdacht auf Chronisches Fatigue Syndrom (CFS) ergaben – eine Erkrankung, die das Immunsystem und Nervensystem betrifft, mit Symptomen wie tiefer Erschöpfung, Schmerzen, Reizempfindlichkeit, Konzentrationsproblemen und einer Verschlechterung nach geringster Belastung (genannt Post-Exertionelle Malaise, kurz PEM). Die Diagnose brachte einerseits Erleichterung, weil sie endlich Orientierung gab, doch das Wort chronisch traf mich hart und löste Angst, Frust und Verzweiflung aus.

Weiter kämpfen?

Ich stand zwischen Hoffnung und Akzeptanz. Einerseits wollte ich nicht aufgeben, andererseits musste ich lernen, dass ich mich mit der Möglichkeit eines langfristigen Verlaufs auseinandersetzen musste. Nach einem langen inneren Prozess gelang es mir, einen Weg zu finden, der beides zulässt: kämpfen und dennoch annehmen. Auch heute gibt es Momente, in denen ich neu üben muss, die Realität auszuhalten, ohne mich selbst darin zu verlieren.

Umdenken!

Trotzdem möchte ich mich nicht über die Krankheit definieren. Die Symptome sind real, aber sie sind nicht meine Identität. Es ist nicht so, dass ich durch fehlende Leistungsfähigkeit weniger Wert habe.

Und doch wurde ich mit gesellschaftlichen Folgen konfrontiert: Ich verlor meine berufliche Rolle, wurde arbeitslos und erlebe aktuell den Weg durch die Behörden als mühsam, belastend und manchmal entwürdigend.

Es gab Momente, in denen ich mich ausgegrenzt, ĂĽbersehen oder nutzlos fĂĽhlte.

Aussicht

Endlich Klarheit

Aus dieser Erfahrung heraus ist mir jedoch etwas Wichtiges klar geworden:

Auch wenn man körperlich eingeschränkt ist, verliert man nicht seine Bedeutung, seinen Wert oder seine Fähigkeit, etwas Wesentliches beizutragen.

Unsere Gesellschaft koppelt Wert häufig an Leistung – aber Menschen, die aufgrund von Krankheit oder Behinderung zurücktreten müssen, verlieren dadurch nicht automatisch ihre innere Stärke oder ihren möglichen Beitrag.

Ich habe erkannt, dass meine Erfahrungen, meine Verletzlichkeit und meine veränderte Lebensgeschwindigkeit nicht nur Verlust bedeuten, sondern auch eine Ressource sein können.

Das war mir rational schon länger bewusst. Aber manchmal wollen gewisse Wahrheiten einfach nicht vom Kopf ins Herz rutschen. Was ich früher nur theoretisch verstanden habe, erlebe ich heute am eigenen Körper: Es gibt einen Unterschied zwischen Wissen und echter, gelebter Erfahrung. machen zu wollen – bei anderen, aber auch vor mir selbst.

Mein neues Ziel

Heute sehe ich meine Situation nicht mehr ausschlieĂźlich als Belastung, sondern auch als Lernfeld.

Sie zwingt mich dazu, Prioritäten zu verändern, langsamer zu werden, tiefer zu fühlen, bewusster zu leben. Mein Fokus hat sich verschoben – weg vom schnellen „Wieder funktionieren“, hin zu einem sinnvollen Umgang mit meinem Zustand.

Und mit dieser neuen Perspektive wächst in mir der Wunsch, meine Erfahrungen zu nutzen: Ich möchte Menschen unterstützen, die sich in ähnlichen Situationen befinden – Menschen, die krank sind und sich unverstanden, erschöpft, wertlos oder allein fühlen.

Wenn ich es schaffe, meine Geschichte so zu teilen, dass sie Mut macht, Orientierung bietet oder Trost spendet, dann entsteht aus meiner Schwäche etwas Wertvolles.
Nicht, weil ich wieder leistungsfähig bin – sondern weil ein neuer, anderer Beitrag möglich wird.